Start in Australien — Foto von Peter Wright via Pixabay
Start in Australien — Foto von Peter Wright via Pixabay

Seit 1822 gibt es in Deutschland formell auf einer Rennbahn abgehaltene Galopprennen. Der Sport hat unsere Sprache in knapp zweihundert Jahren stärker geprägt als uns manchmal bewusst ist. Viele dieser Wörter verwenden wir im heute übertragenen Sinn. (Disclaimer: Dieser Beitrag erhebt keinen Anspruch auf etymologische Grundlagenforschung, sondern ist als Anregung zum Nachdenken, food for thought, gedacht, wie Sport unsere Sprache und unsere Gedankenwelt prägt.) Fortsetzung folgt!

Welches Wort könnte passender sein, um eine kleine Serie zu beginnen, als Start?

Sehr überrascht war ich, als ich im ➸ DWDS, dem deutschen Wortschatz von 1600 bis heute, Belege für das Wort »Start« schon ab 1620 fand [1]. Dabei ist allerdings Vorsicht geboten. Meist handelt es sich um Transkriptionsfehler oder eine heute nicht mehr übliche Schreibweise für andere Wörter, wie im folgenden Beispiel von 1650:

Sie weint/ sie rufft/ sie schreit/ sie klagt/ Sie siht/ sie start/ sie felt/ sie zagt/ Als wenn sie gantz verzweifeln müste.

[2] Zu schön, um es nicht zu zitieren, auch wenn es strenggenommen nicht hierhin gehört.

1883 findet sich dann aber ein »echter« Treffer, und er kommt, nicht überraschend, aus dem Pferderennsport.

Bevor das Pferd nicht ein Training durchgemacht hat, ist es unmöglich, vorherzusagen, wie viel Arbeit es, ohne Schaden zu nehmen, ertragen kann, und wie viel Arbeit es anderseits thun muss, um an dem Tage, wo es zum Start geht, auf dem Höhepunkte seiner Leistungsfähigkeit angelangt zu sein.

[3] Hier begegnet uns wieder der Begriff »Arbeit« im Sinne von Training (siehe Morgenarbeit bei den Schienbeinen und dem Jockey).

Victor Silberer widmet dem Start in seinem Turf-Lexicon von 1890 mehr als eine Seite Text. Als Synonym gibt er den Ablauf an und als Definition: »der Beginn des Rennens« [4]. Ein fliegender Start »ist der Ablauf bei einem Rennen, wenn die Concurrenten an den eigentlichen Startpunkt, an den Ablaufpfosten, schon in vollem Laufen herankommen, so dass sie nicht aus der Ruhe starten, sondern schon in vollster Bewegung sind, wenn der Starter ihnen beim Passiren des Pfostens das Zeichen zum Beginn des Rennens gibt.« [5]

Und dann habe ich beim Blättern eine Erklärung für eine englische Redewendung gefunden, die ich oft verwende, deren Ursprung ich aber noch nie hinterfragt hatte: to start from scratch. Wenn man alles bis dahin Erarbeitete aufgibt und neu anfängt, dann beginnt man »from scratch«. Der Begriff kommt aus der Urzeit der Pferderennen, aus der Zeit, als man noch über freies Feld ritt und keine Rennbahnen mit Ablaufpfosten und Zielgerade hatte. Der »scratch« wurde in den Boden geritzt, »woselbst das Rennen zu beginnen hat.« [6]

Nicht verwirren lassen: Wenn man heute davon spricht

Derby hero Anthony Van Dyck scratched from Arc as O’Brien eyes Breeders‘ Cup

[Quelle: ➸ Racing Post] dann ist damit gemeint: Das Pferd wurde gestrichen. Es ist für das Rennen genannt, aber es wird nicht an den Ablauf kommen. Die Entscheidung ist frühzeitig gefallen, deswegen spricht man nicht von einem Nichtstarter. Als Nichtstarter gilt ein Pferd erst nach der Starterangabe (grob gesagt, wenige Tage vor dem Rennen, wenn das Programm gedruckt wird). (Eine weitere Bedeutung des Verbs streichen im Pferdesport). Im oben genannten Beispiel wurde der Sieger im Epsom Derby, Anthony van Dyck, der eine Nennung für den Prix de l’Arc de Triomphe hatte, gestrichen, weil seinem Trainer Aidan O’Brien der Boden in Paris zu weich erschien und er ihn lieber im Breeders‘ Cup starten lassen wollte.

Quellen:

  1. DWDS, Korpustreffer für Start. Abgerufen am 27.5.2020
  2. Gryphius, Andreas: Teutsche Reim-Gedichte. Frankfurt (Main), 1650, S. 87. In: Deutsches Textarchiv, abgerufen am 27.05.2020
  3. Ernst, George: Das Training des Trabers. Wien, 1883, S. 115. In: Deutsches Textarchiv, abgerufen am 27.05.2020
  4. Silberer, Victor: Turf-Lexicon. Zweite Ausgabe. Wien 1890. S. 335
  5. ebenda, S. 330
  6. ebenda, S. 320
  7. Racing Post, abgerufen am 27.5.2020

 

 

 

 

 

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