Wie Pferderennen unsere Sprache prägen, Teil 3

Zielgerade beim Großen Greis von Baden
Zielgerade beim Großen Greis von Baden ― Foto von Kassandro (CC-BY-SA 4)

Viele aus dem Pferderennsport stammenden Bezeichnungen sind in unsere Alltagssprache übernommen worden. Heute werden der Grand Prix und die Zielgerade beleuchtet.

Wir kennen den Grand Prix aus dem Motorsport, genauer gesagt aus der Formel 1, aber auch im Skispringen und sogar im Schach [1] gibt es heute Grands Prix [2] (benutzt jemand diesen Plural wirklich?). Und natürlich nicht zu vergessen: der wichtigste Grand Prix überhaupt, der Grand Prix Eurovision de la Chanson, der heute allerdings leider Eurovision Song Contest heißt.

Der erste Grand Prix allerdings war ein Pferderennen. Ob schon vor 1863 ein Grand Prix stattfand, habe ich noch nicht herausgefunden ― aber in dem Jahr wurde der erste Grand Prix de Paris gelaufen, ein überaus hochdotiertes Rennen für 3-jährige Hengste und Stuten über 3000 Meter in Longchamp. ➸ Viel hat sich über die Jahre nicht geändert, nur die Distanz ist ein paar Mal angepasst worden und liegt aktuell bei der »klassischen« Distanz von 2400 Metern. (Echte Steher, also Pferde, die Distanzen oberhalb der 2400 Meter bewältigen, gibt es nicht mehr viele, dementsprechend wurden viele Rennen gekürzt.) Die Idee des Grand Prix setzte sich schnell durch und in Deutschland wird seither vielerorts ein Grand Prix als »Großer Preis« gelaufen, z. B. in Iffezheim in Baden-Baden (➸ »Großer Preis von Baden«), in Hoppegarten in Berlin (➸ »Großer Preis von Berlin«) und in München-Riem (➸ »Großer Preis von Bayern«, nicht zu verwechseln mit dem ➸ gleichnamigen Trabrennen).

Die Zielgerade ist das letzte Stück Strecke einer Rennbahn vor dem Ziel. Das Wort scheint relativ modern zu sein. Es findet sich im 1956 erschienen Band XV des Deutschen Wörterbuchs von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm [3]. Ab 1890 geht das Wort anscheinend in den ➸ deutschen Wortschatz [4] ein, in Victor Silberers Turf-Lexicon von 1890 ist es aber nicht enthalten. Silberer schreibt dagegen von Gewinnseite (»nennt man jene Seite der Rennbahn, wo sich das Ziel mit der Richterloge befindet«) und Gewinnpfosten (»ist der Pfosten beim Ziele gegenüber der Richterloge, an welchem der Richter die einkommenden Concurrenten abvisirt«) [5]. Beides benutzt man heute so nicht mehr.

Quellen:
  1. Wikipedia, Begriffsklärung Grand Prix, abgerufen am 3.7.2020
  2. duden.de: Grand Prix, abgerufen am 3.7.2020
  3. http://www.woerterbuchnetz.de/cgi-bin/WBNetz/wbgui_py?sigle=DWB&lemid=GZ05873
  4. DWDS: Zielgerade. Abgerufen am 27.5.2020
  5. Silberer, Victor: Turf-Lexicon. Zweite Auflage. Wien 1890, S. 141

Wie Pferderennen unsere Sprache prägen, Teil 2: Favorit und Außenseiter

Galopprennen in Australien
Galopprennen in Australien — Foto von Peter Wright via Pixabay

Letzten Monat habe ich über das Wort Start geschrieben. Hier geht die Serie über Wörter, die aus dem Pferderennsport kommen und unsere Sprache geprägt haben, weiter. Hintergrund: Organisierte Galopprennen gibt es in Deutschland seit 1822. Viele Fachwörter haben Eingang in unsere Alltagssprache gefunden. (Disclaimer: Ich erhebe keinen Anspruch auf etymologische Grundlagenforschung. Es handelt sich um eine Anregung zum Nachdenken, food for thought, wie Sport unsere Sprache und unsere Gedankenwelt prägt.)

Dieses Mal betrachten wir Favorit, Außenseiter und Pacemaker.

Außenseiter taucht ab 1870 in der deutschen Sprache auf [Quelle: ➸ DWDS]. Victor Silberer hat in seinem Turf-Lexicon von 1890 keinen eigenen Eintrag dafür, listet aber Outsider auf: »ein Pferd in einem Rennen, wenn es von den Wettenden nur wenig beachtet wird, wenn man allgemein wenig von seinen Chancen hält. Der Outsider ist sonach gewissermaßen der Gegensatz zu Favorit.«[1]

Im übertragenen Sinn benutzen wir das Wort Außenseiter häufig. Auch in der Alltagssprache bezeichnet es jemanden, der/die wenig Beachtung findet. Eine Person am Rand einer Gesellschaft. Als Außenseiter ist man trotzdem Teil der Gesellschaft ― zum Außenseiter wird man gemacht. Anders ein Außenstehender: Er ist unbeteiligt.

Viel häufiger benutzen wir das Wort Favorit ― jedenfalls in den Medien, die im ➸ Deutschen Nachrichten-Korpus erfasst sind: Favorit landet auf Rang 5110 [2], Außenseiter auf Rang 8604.[3] Das mag damit zu tun haben, dass der Favorit schon lange vor den ersten Pferdewetten in der Sprache existiert hat, und zwar in seiner Bedeutung als Liebling. Seine Definition im Pferderennsport war 1890:

Favorit in einem Rennen ist jener Concurrent, welcher nach dem allgemeinen Urtheile die meisten Chancen hat, auf welchen sich auch die meisten Wetten concentriren und der demzufolge auch an der Spitze der Wettliste steht. [4]

Etwas moderner fasst das Etymologische Wörterbuch von Wolfgang Pfeifer zusammen:

Die spezifische Bedeutung in der Sportsprache erhält das Wort unter dem Einfluß von engl. favourite, das zunächst für das Rennpferd, auf das die meisten setzen, gebraucht (19. Jh.), im 20. Jh. auf den Teilnehmer im sportlichen Wettkampf mit den besten Gewinnchancen erweitert wird (sic). [5]

favourite ist im Englischen schon seit 1583 belegt und somit ein Zeitgenosse von magazine, snug und wizardry. [Quelle: ➸ Merriam Webster Time Traveller]

das Rennen machen hat seine Bedeutung in der Alltagssprache gewandelt. Im Rennsport bedeutet das Rennen zu machen die Führung zu übernehmen und diese möglichst lange zu halten ― aber nicht zwangsläufig, um selbst zu gewinnen, sondern auch als Pacemaker, um einen Stallgefährten, also ein anderes Pferd aus demselben Rennstall, in eine günstige Ausgangslage zu bringen. [6] Diese kooperative Bedeutung ist in der heutigen Umgangssprache verloren gegangen, wo diejenige, die das Rennen macht, gleichbedeutend mit der Siegerin ist.
Die Pace (also das Tempo) kann ruhig oder stramm oder hoch sein. Ein Ausdruck, für den es keine gute deutsche Entsprechung gibt, ist to come off the pace. Dabei geht es um die Eigenschaft von bestimmten Pferden, das Rennen zunächst im Hinterfeld zu laufen und in der Zielgeraden immer schneller zu werden. (Solche Rennpferde werden als Speedpferde bezeichnet ― Speed ist die Beschleunigungsfähigkeit zum Schluss, nicht die Grundgeschwindigkeit. Hier hat es eine Bedeutungsverengung gegeben.) Das funktioniert am besten, wenn es von Anfang an hohes Tempo gab, die Pferde an der Spitze sind dann nämlich schon erschöpft. Der Pacemaker endet oft abgeschlagen unter ferner liefen.

Wenn man sehen möchte, wie das im Extremfall mit coming off the pace aussieht, im Idealfall from last to first, dann führt kein Weg an Zenyatta vorbei. ➸ Hier sieht man fünf ihrer Rennen.


Quellen:

  1. Silberer, Victor: Turf-Lexicon. Zweite Auflage. Wien 1890, S. 260
  2. Favorit, Wortschatz Uni Leipzig, abgerufen am 27.5.2020
  3. Außenseiter, Wortschatz Uni Leipzig, abgerufen am 27.5.2020
  4. Silberer, Victor: Turf-Lexicon. Zweite Auflage. Wien 1890, S. 118
  5. Favorit, in: Wolfgang Pfeifer et al.: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (1993), digitalisierte und von Wolfgang Pfeifer überarbeitete Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache,  abgerufen am 27.5.2020
  6. Silberer, Victor: Turf-Lexicon. Zweite Auflage. Wien 1890, S. 303

„Sport“ (Dorling Kindersley)

Bei den Olympischen Spielen schaue ich besonders gern Sportarten, von denen ich nichts verstehe. Die Kommentatoren der öffentlich-rechtlichen und der Privatsender sind sehr unterschiedlich und vermitteln vor allem unterschiedlich viel Fachwissen. Zur Zeit gefallen mir die Reporter von Eurosport sehr gut, die die Regeln und Eigenheiten obskurerer Sportarten kompetent vermitteln und herausragende Leistungen begeistert feiern, ohne dabei eine  schwarz-rot-goldene Brille zu tragen. Das macht Spaß!

Und dann habe ich einen stacheligen Wälzer neben mir auf dem Sofa liegen. Ein Buch, in Kunstrasen gebunden, das musste ich haben. Es trägt den schlichten Titel „Sport. Regeln, Technik, Taktik“. Während der Olympischen Spiele, bzw. der Fernsehübertragung davon, ist für mich die beste Gelegenheit, dieses Buch intensiv zu nutzen und dabei seine Nützlichkeit zu überprüfen. Beim Wasserspringen, Gewichtheben und Kunstturnen habe ich jetzt Übertragung und Buch parallel genutzt und komme zu folgendem Fazit:

Das Buch ist gut strukturiert, stellt die wichtigsten Regeln der Sportart leicht verständlich dar und ist – das ist sehr nützlich – mit jeder Menge Illustrationen und Schemazeichnungen bestückt. Bei den drei oben genannten Sportarten hat mir das Buch ganz klar geholfen, den Wettkampf besser zu verfolgen.

Sport. Regeln, Technik, Taktik
Sport. Regeln, Technik, Taktik

Gewichtheben hat eine Seite mit 10 Bildern, kompliziertere Sportarten wie Cricket bekommen auch mal 6 Seiten und 32 Zeichnungen. Bislang deckten sich die Angaben im Buch mit denen der Fernseh-Kommentatoren. Die Richtigkeit der Angaben und der Übersetzung kann ich aber nur beim Pferdesport wirklich überprüfen. Pferderennen (Galopp) und Polo haben je 4 Seiten; Springreiten zwei Seiten; Trabrennen, Rodeo, Dressur und Vielseitigkeit (leider noch als Military bezeichnet) haben je eine Seite, und Horseball und „Kutschenrennen“ (abgebildet ist ein Einspänner-Marathonwagen, würde ich sagen) haben je eine halbe Seite.

Das Kapitel zum Galopprennsport ist fachlich korrekt. Zum Teil ist es England-lastig („Im Sommer finden nur Flachrennen (Galopprennen) statt, im Winter auch Hindernis- und Geländerennen“ – das ist in Deutschland anders, und Geländerennen gibt es nicht, gemeint sind wohl Jagdrennen). Auch die Übersetzer dieses Standardwerks tappen leider in die Falle mit den „jumps races“ („Springrennen“), übersetzen „pace maker“ als „Schrittmacher“ und schreiben von „den Schritt machen“. Schade. Und sie sind für den tollen Satz „Neben Profi-Jockeys gibt es inzwischen auch weibliche Jocketten.“ verantwortlich. Was Steffi Hofer wohl davon hält, als Jockette bezeichnet zu werden und nicht als Profi-Jockey?

Hindernisrennen inklusive Jagdrennen und Point-to-Point werden aber später im Text noch korrekt erklärt, selbst die Quarter Horses werden erwähnt. Handicaps, Startmaschine, Bodenspezialisten, all das kommt zur Sprache – inhaltlich wie gesagt einwandfrei.

Ich will nun aber nicht pingelig sein. Es ist ein tolles Buch, das mir einen leicht verständlichen Einstieg in fremde Sportarten bietet. Die vier Fehlübersetzungen im Kapitel über Pferderennen werden Neulingen im Galopprennsport nichts ausmachen und ihnen den Einstieg in den Pferdesport keinesfalls verhageln. Alles in allem ein empfehlenswertes Buch!

Sport. Regeln, Technik, Taktik„, Dorling Kindersley Verlag GmbH 2008, ISBN: 978-3-8310-1211-4

Und hier noch einmal die Fachausdrücke und wie sie heißen sollten:

  • jumps races: Hindernisrennen
  • pace maker: Pacemaker
  • to make the pace: die Pace machen (ja, es ist denglisch, aber so heißt es nun mal!)
  • female jockey: weiblicher Jockey (nicht Jockette!)

Anderes Wort für … Pferd

Foto von Rebekka D. via Pixabay
Zu diesem Foto von Rebekka D. via Pixabay könnten folgende Begriffe passen: Stute, Pony, Fohlenstute, Stutfohlen, Saugfohlen, Exmoorpony, Braune…

Dies ist eine Sammlung von Wörtern, die im weitesten Sinne »Pferd« bedeuten. Es sind keine Synonyme wie das Wort »Ross«, sondern Hyponyme, das heißt Unterbegriffe.

Ich habe Wörter gesammelt, die eine bestimmte Art von Pferd bezeichnen. Schaut man sich diese Liste an, wird die Behauptung »Eskimos haben hundert Wörter für Schnee« relativiert. Wir haben nämlich auch mehr als hundert Wörter  für »Pferd«.

Wir unterscheiden die Pferde nach …

… Alter:

  • Fohlen: junges Pferd (jünger als ein Jährling)
  • Füllen (altmodisch): Fohlen
  • Saugfohlen: Fohlen, das noch bei der Mutter trinkt
  • Absatzfohlen, Absetzer: Fohlen, das von seiner Mutter getrennt (abgesetzt) wurde, ca. ein halbes bis ein Jahr alt
  • Jährling: einjähriges Pferd
  • Jungpferd: junges bis angerittenes Pferd
  • Stutfohlen: junges weibliches Pferd
  • Hengstfohlen: junges männliches Pferd

… Geschlecht: