Wie Pferderennen unsere Sprache prägen, Teil 3

Zielgerade beim Großen Greis von Baden
Zielgerade beim Großen Greis von Baden ― Foto von Kassandro (CC-BY-SA 4)

Viele aus dem Pferderennsport stammenden Bezeichnungen sind in unsere Alltagssprache übernommen worden. Heute werden der Grand Prix und die Zielgerade beleuchtet.

Wir kennen den Grand Prix aus dem Motorsport, genauer gesagt aus der Formel 1, aber auch im Skispringen und sogar im Schach [1] gibt es heute Grands Prix [2] (benutzt jemand diesen Plural wirklich?). Und natürlich nicht zu vergessen: der wichtigste Grand Prix überhaupt, der Grand Prix Eurovision de la Chanson, der heute allerdings leider Eurovision Song Contest heißt.

Der erste Grand Prix allerdings war ein Pferderennen. Ob schon vor 1863 ein Grand Prix stattfand, habe ich noch nicht herausgefunden ― aber in dem Jahr wurde der erste Grand Prix de Paris gelaufen, ein überaus hochdotiertes Rennen für 3-jährige Hengste und Stuten über 3000 Meter in Longchamp. ➸ Viel hat sich über die Jahre nicht geändert, nur die Distanz ist ein paar Mal angepasst worden und liegt aktuell bei der »klassischen« Distanz von 2400 Metern. (Echte Steher, also Pferde, die Distanzen oberhalb der 2400 Meter bewältigen, gibt es nicht mehr viele, dementsprechend wurden viele Rennen gekürzt.) Die Idee des Grand Prix setzte sich schnell durch und in Deutschland wird seither vielerorts ein Grand Prix als »Großer Preis« gelaufen, z. B. in Iffezheim in Baden-Baden (➸ »Großer Preis von Baden«), in Hoppegarten in Berlin (➸ »Großer Preis von Berlin«) und in München-Riem (➸ »Großer Preis von Bayern«, nicht zu verwechseln mit dem ➸ gleichnamigen Trabrennen).

Die Zielgerade ist das letzte Stück Strecke einer Rennbahn vor dem Ziel. Das Wort scheint relativ modern zu sein. Es findet sich im 1956 erschienen Band XV des Deutschen Wörterbuchs von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm [3]. Ab 1890 geht das Wort anscheinend in den ➸ deutschen Wortschatz [4] ein, in Victor Silberers Turf-Lexicon von 1890 ist es aber nicht enthalten. Silberer schreibt dagegen von Gewinnseite (»nennt man jene Seite der Rennbahn, wo sich das Ziel mit der Richterloge befindet«) und Gewinnpfosten (»ist der Pfosten beim Ziele gegenüber der Richterloge, an welchem der Richter die einkommenden Concurrenten abvisirt«) [5]. Beides benutzt man heute so nicht mehr.

Quellen:
  1. Wikipedia, Begriffsklärung Grand Prix, abgerufen am 3.7.2020
  2. duden.de: Grand Prix, abgerufen am 3.7.2020
  3. http://www.woerterbuchnetz.de/cgi-bin/WBNetz/wbgui_py?sigle=DWB&lemid=GZ05873
  4. DWDS: Zielgerade. Abgerufen am 27.5.2020
  5. Silberer, Victor: Turf-Lexicon. Zweite Auflage. Wien 1890, S. 141

Wie Pferderennen unsere Sprache prägen, Teil 2: Favorit und Außenseiter

Galopprennen in Australien
Galopprennen in Australien — Foto von Peter Wright via Pixabay

Letzten Monat habe ich über das Wort Start geschrieben. Hier geht die Serie über Wörter, die aus dem Pferderennsport kommen und unsere Sprache geprägt haben, weiter. Hintergrund: Organisierte Galopprennen gibt es in Deutschland seit 1822. Viele Fachwörter haben Eingang in unsere Alltagssprache gefunden. (Disclaimer: Ich erhebe keinen Anspruch auf etymologische Grundlagenforschung. Es handelt sich um eine Anregung zum Nachdenken, food for thought, wie Sport unsere Sprache und unsere Gedankenwelt prägt.)

Dieses Mal betrachten wir Favorit, Außenseiter und Pacemaker.

Außenseiter taucht ab 1870 in der deutschen Sprache auf [Quelle: ➸ DWDS]. Victor Silberer hat in seinem Turf-Lexicon von 1890 keinen eigenen Eintrag dafür, listet aber Outsider auf: »ein Pferd in einem Rennen, wenn es von den Wettenden nur wenig beachtet wird, wenn man allgemein wenig von seinen Chancen hält. Der Outsider ist sonach gewissermaßen der Gegensatz zu Favorit.«[1]

Im übertragenen Sinn benutzen wir das Wort Außenseiter häufig. Auch in der Alltagssprache bezeichnet es jemanden, der/die wenig Beachtung findet. Eine Person am Rand einer Gesellschaft. Als Außenseiter ist man trotzdem Teil der Gesellschaft ― zum Außenseiter wird man gemacht. Anders ein Außenstehender: Er ist unbeteiligt.

Viel häufiger benutzen wir das Wort Favorit ― jedenfalls in den Medien, die im ➸ Deutschen Nachrichten-Korpus erfasst sind: Favorit landet auf Rang 5110 [2], Außenseiter auf Rang 8604.[3] Das mag damit zu tun haben, dass der Favorit schon lange vor den ersten Pferdewetten in der Sprache existiert hat, und zwar in seiner Bedeutung als Liebling. Seine Definition im Pferderennsport war 1890:

Favorit in einem Rennen ist jener Concurrent, welcher nach dem allgemeinen Urtheile die meisten Chancen hat, auf welchen sich auch die meisten Wetten concentriren und der demzufolge auch an der Spitze der Wettliste steht. [4]

Etwas moderner fasst das Etymologische Wörterbuch von Wolfgang Pfeifer zusammen:

Die spezifische Bedeutung in der Sportsprache erhält das Wort unter dem Einfluß von engl. favourite, das zunächst für das Rennpferd, auf das die meisten setzen, gebraucht (19. Jh.), im 20. Jh. auf den Teilnehmer im sportlichen Wettkampf mit den besten Gewinnchancen erweitert wird (sic). [5]

favourite ist im Englischen schon seit 1583 belegt und somit ein Zeitgenosse von magazine, snug und wizardry. [Quelle: ➸ Merriam Webster Time Traveller]

das Rennen machen hat seine Bedeutung in der Alltagssprache gewandelt. Im Rennsport bedeutet das Rennen zu machen die Führung zu übernehmen und diese möglichst lange zu halten ― aber nicht zwangsläufig, um selbst zu gewinnen, sondern auch als Pacemaker, um einen Stallgefährten, also ein anderes Pferd aus demselben Rennstall, in eine günstige Ausgangslage zu bringen. [6] Diese kooperative Bedeutung ist in der heutigen Umgangssprache verloren gegangen, wo diejenige, die das Rennen macht, gleichbedeutend mit der Siegerin ist.
Die Pace (also das Tempo) kann ruhig oder stramm oder hoch sein. Ein Ausdruck, für den es keine gute deutsche Entsprechung gibt, ist to come off the pace. Dabei geht es um die Eigenschaft von bestimmten Pferden, das Rennen zunächst im Hinterfeld zu laufen und in der Zielgeraden immer schneller zu werden. (Solche Rennpferde werden als Speedpferde bezeichnet ― Speed ist die Beschleunigungsfähigkeit zum Schluss, nicht die Grundgeschwindigkeit. Hier hat es eine Bedeutungsverengung gegeben.) Das funktioniert am besten, wenn es von Anfang an hohes Tempo gab, die Pferde an der Spitze sind dann nämlich schon erschöpft. Der Pacemaker endet oft abgeschlagen unter ferner liefen.

Wenn man sehen möchte, wie das im Extremfall mit coming off the pace aussieht, im Idealfall from last to first, dann führt kein Weg an Zenyatta vorbei. ➸ Hier sieht man fünf ihrer Rennen.


Quellen:

  1. Silberer, Victor: Turf-Lexicon. Zweite Auflage. Wien 1890, S. 260
  2. Favorit, Wortschatz Uni Leipzig, abgerufen am 27.5.2020
  3. Außenseiter, Wortschatz Uni Leipzig, abgerufen am 27.5.2020
  4. Silberer, Victor: Turf-Lexicon. Zweite Auflage. Wien 1890, S. 118
  5. Favorit, in: Wolfgang Pfeifer et al.: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (1993), digitalisierte und von Wolfgang Pfeifer überarbeitete Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache,  abgerufen am 27.5.2020
  6. Silberer, Victor: Turf-Lexicon. Zweite Auflage. Wien 1890, S. 303

Wie Pferderennen unsere Sprache prägen, Teil 1: Start

Start in Australien — Foto von Peter Wright via Pixabay
Start in Australien — Foto von Peter Wright via Pixabay

Seit 1822 gibt es in Deutschland formell auf einer Rennbahn abgehaltene Galopprennen. Der Sport hat unsere Sprache in knapp zweihundert Jahren stärker geprägt als uns manchmal bewusst ist. Viele dieser Wörter verwenden wir im heute übertragenen Sinn. (Disclaimer: Dieser Beitrag erhebt keinen Anspruch auf etymologische Grundlagenforschung, sondern ist als Anregung zum Nachdenken, food for thought, gedacht, wie Sport unsere Sprache und unsere Gedankenwelt prägt.) Fortsetzung folgt!

Welches Wort könnte passender sein, um eine kleine Serie zu beginnen, als Start?

Sehr überrascht war ich, als ich im ➸ DWDS, dem deutschen Wortschatz von 1600 bis heute, Belege für das Wort »Start« schon ab 1620 fand [1]. Dabei ist allerdings Vorsicht geboten. Meist handelt es sich um Transkriptionsfehler oder eine heute nicht mehr übliche Schreibweise für andere Wörter, wie im folgenden Beispiel von 1650:

Sie weint/ sie rufft/ sie schreit/ sie klagt/ Sie siht/ sie start/ sie felt/ sie zagt/ Als wenn sie gantz verzweifeln müste.

[2] Zu schön, um es nicht zu zitieren, auch wenn es strenggenommen nicht hierhin gehört.

1883 findet sich dann aber ein »echter« Treffer, und er kommt, nicht überraschend, aus dem Pferderennsport.

Bevor das Pferd nicht ein Training durchgemacht hat, ist es unmöglich, vorherzusagen, wie viel Arbeit es, ohne Schaden zu nehmen, ertragen kann, und wie viel Arbeit es anderseits thun muss, um an dem Tage, wo es zum Start geht, auf dem Höhepunkte seiner Leistungsfähigkeit angelangt zu sein.

[3] Hier begegnet uns wieder der Begriff »Arbeit« im Sinne von Training (siehe Morgenarbeit bei den Schienbeinen und dem Jockey).

Victor Silberer widmet dem Start in seinem Turf-Lexicon von 1890 mehr als eine Seite Text. Als Synonym gibt er den Ablauf an und als Definition: »der Beginn des Rennens« [4]. Ein fliegender Start »ist der Ablauf bei einem Rennen, wenn die Concurrenten an den eigentlichen Startpunkt, an den Ablaufpfosten, schon in vollem Laufen herankommen, so dass sie nicht aus der Ruhe starten, sondern schon in vollster Bewegung sind, wenn der Starter ihnen beim Passiren des Pfostens das Zeichen zum Beginn des Rennens gibt.« [5]

Und dann habe ich beim Blättern eine Erklärung für eine englische Redewendung gefunden, die ich oft verwende, deren Ursprung ich aber noch nie hinterfragt hatte: to start from scratch. Wenn man alles bis dahin Erarbeitete aufgibt und neu anfängt, dann beginnt man »from scratch«. Der Begriff kommt aus der Urzeit der Pferderennen, aus der Zeit, als man noch über freies Feld ritt und keine Rennbahnen mit Ablaufpfosten und Zielgerade hatte. Der »scratch« wurde in den Boden geritzt, »woselbst das Rennen zu beginnen hat.« [6]

Nicht verwirren lassen: Wenn man heute davon spricht

Derby hero Anthony Van Dyck scratched from Arc as O’Brien eyes Breeders‘ Cup

[Quelle: ➸ Racing Post] dann ist damit gemeint: Das Pferd wurde gestrichen. Es ist für das Rennen genannt, aber es wird nicht an den Ablauf kommen. Die Entscheidung ist frühzeitig gefallen, deswegen spricht man nicht von einem Nichtstarter. Als Nichtstarter gilt ein Pferd erst nach der Starterangabe (grob gesagt, wenige Tage vor dem Rennen, wenn das Programm gedruckt wird). (Eine weitere Bedeutung des Verbs streichen im Pferdesport). Im oben genannten Beispiel wurde der Sieger im Epsom Derby, Anthony van Dyck, der eine Nennung für den Prix de l’Arc de Triomphe hatte, gestrichen, weil seinem Trainer Aidan O’Brien der Boden in Paris zu weich erschien und er ihn lieber im Breeders‘ Cup starten lassen wollte.

Quellen:

  1. DWDS, Korpustreffer für Start. Abgerufen am 27.5.2020
  2. Gryphius, Andreas: Teutsche Reim-Gedichte. Frankfurt (Main), 1650, S. 87. In: Deutsches Textarchiv, abgerufen am 27.05.2020
  3. Ernst, George: Das Training des Trabers. Wien, 1883, S. 115. In: Deutsches Textarchiv, abgerufen am 27.05.2020
  4. Silberer, Victor: Turf-Lexicon. Zweite Ausgabe. Wien 1890. S. 335
  5. ebenda, S. 330
  6. ebenda, S. 320
  7. Racing Post, abgerufen am 27.5.2020

 

 

 

 

 

Was ist ein Klopphengst?

Hengst, Wallach oder Klopphengst
Hengst, Wallach oder Klopphengst, nicht immer leicht zu unterscheiden – Foto von Aislinn Brander via Pixabay

Bei einem Klopphengst ist ein (oder sind beide) Hoden nicht in den Hodensack gewandert, sondern in der Bauchhöhle stecken geblieben. Der tiermedizinische Fachausdruck ist Kryptorchide, frühere Bezeichnungen sind Klopfhengst, Spitzhengst oder Urhengst (Quelle: von Norman).

Man kann einem Klopphengst den problematischen Hoden entfernen und den funktionsfähigen erhalten, was ihn von der Terminologie her zu einem Monorchiden macht. Ein solcher Hengst ist in der Zucht oft voll einsatzfähig, ein berühmtes Beispiel ist der ➸ Vollbluthengst A.P. Indy.

Auf isländisch heißt ein Kryptorchide eineistningur (wörtlich übersetzt: »Einhodling«), und die Eigenschaft, ein Klopphengst zu sein, nennt man laungraður (wörtlich übersetzt: »heimlich hengstig«).

Englisch cryptorchid und ridgeling bzw. ridgling, umgangssprachlich kurz rig. Mittlerweile wird die Bezeichnung auch offiziell für Rennpferde angegeben, als Teil der sehr differenzierten Geschlechtsbezeichnungen in der englischsprachigen Vollblutzucht (siehe den Artikel über filly, mare, colt, etc.) (Quelle: ➸ Racing Post, Liste der Abkürzungen im Rennprogramm)

Das ➸ Rheinische Wörterbuch gibt als weiteres Synonym noch Binnenhengst an.

Quellen:

owner

Die Rennfarben verschiedener Besitzer beim Galopprennen
Die Rennfarben verschiedener Besitzer beim Galopprennen ― Foto von ThreeMilesPerHour via Pixabay

Jedes Rennpferd gehört jemandem, einer oder mehreren Personen, die sich unter einem Decknamen (Stall Soundso, Gestüt Larifari), als Besitzergemeinschaft, als Syndikat oder Club zusammengefunden haben. Charakteristisch ist dabei die Rennfarbe, die jeder Besitzer für sich registrieren lässt, und die ― wie oben zu sehen ― sehr bunt ausfallen kann.

Wichtig ist für uns im lexikalischen Zusammenhang, dass man im Galopprennsport immer nur von dem »Besitzer« spricht. Der Eigentümer wird nicht genannt. Oft sind Eigentümer und Besitzer identisch, manchmal aber nicht, z. B. wenn das Pferd gepachtet ist.

Ein Besitzertrainer ist nicht jemand, der Besitzer trainiert, sondern jemand, der seine eigenen Pferde trainiert, also Trainer und Besitzer gleichzeitig ist.

Ein Wort, das im Deutschen fehlt, ist owner-breeder. In meiner Zeit bei der Sport-Welt umschrieb man das, zum Beispiel in einer Stall-Parade, wortreich wie folgt: »Hans Meyer hat mit dem von ihm gezogenen Abraxas noch einen vielversprechenden Colinas-Sohn im Aufgebot für den Winterfavoriten«. (Die Eigennamen sind erfunden, der Satz aber hätte original so in der Zeitung stehen können.) Man konnte auch von »Hans Meyers selbstgezogenem Abraxas« sprechen, oder man schrieb »Abraxas, der von seinem Besitzer Hans Meyer auch gezogen wurde«. Sehr hakelige Formulierung, die mir damals schon nicht gefiel.

Nebenbei fällt auf, dass Galopper nicht »gezüchtet«, sondern »gezogen« werden.

Renntag

Galopprennen in Australien
Galopprennen in Australien — Foto von Peter Wright via Pixabay

Renntag. Ein schönes Wort, wie Festtag oder Ferientag. Es unterstreicht, dass Tage, an denen Pferderennen stattfinden, etwas besonderes sind, und nicht einfach Termine an einem bestimmten Datum.

Renntag. Quelle: Kölner Rennverein
Renntag. Quelle: ➸ Kölner Rennverein

Zwar gibt es auch den englischen Begriff raceday, aber der bezeichnet eher den konkreten Tag, an dem Rennen stattfinden. Der englische Begriff für einen Renntag in der Zukunft ist fixture. Im Amerikanischen gibt es den Begriff race meet, wobei ich nicht sicher bin, ob er auch für Ein-Tages-Veranstaltungen benutzt wird, denn im britischen Englisch ist ein race meeting ursprünglich eine Veranstaltung über mehrere Tage hinweg, wie die Meetings (heißt auf deutsch genauso) in Ascot, »Glorious Goodwood« oder bei uns auch die »Große Woche« in Baden-Baden.

Kalender der Website des British Horse Racing Boards
Kalender der Website des British Horse Racing Boards. Quelle: ➸ BHB

Meeting klingt erstmal modern, ist aber schon 1890 in Victor Silberers Turf-Lexicon belegt:

jede für sich ein abgeschlossenes Ganze (sic) bildende Gruppe von Renntagen.

Hingegen findet sich im businessorientierten Neusprech leider immer öfter der Begriff »Renntermin« – das hat so viel Charme wie ein Zahnarzttermin. Im Englischen begegnet uns dagegen immer häufiger, geradezu inflationär, der Begriff festival – das Cheltenham Festival heißt schon länger so, aber das Guineas Festival oder das Dante Festival sind Neuschöpfungen. Gruselig klingt ein Renntag, der heute

The Summer Festival featuring London Insurance Market Ladies‘ Day and Coral-Eclipse Day

genannt wird und früher einfach prägnant »Eclipse Stakes«, oder umgangssprachlich »the Eclipse at Sandown« hieß.

Sind Isländer Pferde oder Ponys?

Islandstute mit Fohlen - Foto von Ute Becker via Pixabay
Islandstute mit Fohlen: Pferd oder Pony? Oder beides? Foto von Ute Becker via Pixabay

Es gibt Islandpferdereiter, die empörte Leserbriefe schreiben, weil in einem Reisemagazin in einer Bildunterschrift »Islandpony« steht. Immer wieder hört man die vehement vorgetragene Meinung, Islandpferde seien keine Ponys, sondern Pferde! Mit Ausrufezeichen, als sei es eine Tatsache. Dabei handelt es sich um nichts anderes als eine Meinung, und zwar um eine, für die es keine guten Argumente gibt.

Übersicht:
In diesem Artikel werden folgende Fragen beantwortet:

Vorausschicken möchte ich, dass ich selber Isländer reite. Im alltäglichen Sprachgebrauch sage ich meistens Isländer, öfter auch Islandpferd, manchmal Islandpony. In diesem Artikel benutze ich beide Wörter gleichberechtigt, um uns allen eine Schreibweise wie »Islandpferd/-pony« zu ersparen.

Woher kommt das Wort »Pony«?

Aus dem Englischen. Die Briten haben das Wort vermutlich in Anlehnung an das französische Wort »poulenet« für »Fohlen, Jungpferd« gebildet, um ein kleines Pferd zu bezeichnen. Der Begriff »pony« taucht im Englischen zum ersten Mal im Jahr 1659 auf. (Quelle: ➸ Merriam Webster)

Was ist ein Pony?

Es gibt keine verbindliche Definition von »Pony«. Ponys sind keine Art oder Gattung im biologischen Sinn. Es handelt sich um Pferde mit einer Vielzahl an Merkmalen, durch die sie sich von Großpferden  unterscheiden lassen. Verschiedene Institutionen, die mit Pferden zu tun haben — die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN), Zuchtverbände oder Versicherungen zum Beispiel — können den Begriff Pony selbst definieren.

Das wichtigste Merkmal ist die Größe. Wer sein Pony in Deutschland auf einem Turnier, das den Regeln der Leistungs-Prüfungs-Ordnung (LPO) der FN unterliegt, starten lassen will, der/die muss für die Registrierung als Turnierpony eine Messbescheinigung der Landeskommission vorlegen. Tut man das nicht, gilt das Pony automatisch als Pferd.
Die FN unterscheidet Ponys noch mal nach Größen:

  • K-Pony: bis 127 cm Stockmaß
  • M-Pony: 128 bis 137 cm Stockmaß
  • G-Pony: 138 bis 148 cm Stockmaß (Quelle)

Ein weiteres Merkmal ist das Aussehen, also das Exterieur (Reitersprache) bzw. der Phänotyp (Biologensprache). Ponys haben in der Regel ein stabileres Gebäude (Reitersprache für »Körperbau«) als Pferde (Ausnahmen sind moderne Züchtungen wie das Deutsche Reitpony oder Modern American Shetland, die eher wie verkleinerte Reitpferde aussehen). In der Folge können sie auch in Relation zu ihrem Körpergewicht mehr ziehen und tragen als ein Großpferd. Ihre Beine sind kürzer und kräftiger, Fell und Langhaar sind dichter und rauer, und sie sind leichtfuttriger als Pferde. Kurz, sie sind rundum robuster.

Grasendes Pony
Typisches Pony: kräftiger Körperbau, kurze Beine, geringe Größe, viel Langhaar ― Foto von Lee Travathan via Pixabay

Auch die Abstammung kann, unabhängig von der Größe, ein wichtiges Merkmal sein, z. B. für einen Zuchtverband. Ein Araber oder Morgan, der unter 148 cm Stockmaß hat, gilt dennoch als Pferd.

alt
Typisches Pferd: leicht gebaut, hochbeinig, feines Fell und Langhaar, groß ― Foto von Diana via Pixabay

Wir können also zusammenfassen: Ob ein Pferd als Pony gilt, hängt in erster Linie von seiner Größe ab, aber auch seinem Typ.

Sind Islandpferde Ponys?

Ja. Islandpferde zählen nach beiden Kriterien (Größe, Typ) zu den Ponys. Zwar gibt es vereinzelt Isländer, die über 1,48m Stockmaß haben, aber das ist eine Entwicklung erst aus jüngster Zeit. Vor allem aber sprechen die Exterieur-Merkmale für eine Einordnung als Pony.

Warum dann die Aufregung? Nun kann man sich fragen, woher die Weigerung kommt, sein Reittier als Pony zu bezeichnen. Sicher eine interessante sprachgeschichtliche Untersuchung… Mein Verdacht ist: Im Herkunftsland Island gibt es nur eine Pferderasse, die deswegen auch nicht namentlich abgegrenzt werden muss zu anderen Rassen (wie man es z. B. in Schottland mit Fell-Pony, Dales-Pony und Shetlandpony machen muss). Islandpferde in Island sind einfach »hestar«, Pferde. Und weil es eben auch keine schwereren oder kleineren Pferde gibt, gibt es auch kein einheimisches Wort für Kaltblut oder Pony.

Isländer (also zweibeinige Isländer), die ein bisschen Deutsch können, bezeichnen die Ponys von ihrer Insel also immer als »Pferd«. Was ja auch nicht falsch ist. Genauso kann man schließlich einen Foxterrier als Hund bezeichnen.

Wie ist es anschließend dazu gekommen, dass die Bezeichnung »Pony« für einen Isländer (einen vierbeinigen) anscheinend als abwertend empfunden wird und man sich so vehement dagegen wehren muss, dass man sogar sein Abonnement kündigt, wie im oben beschriebenen Fall? Darüber kann ich nur rätseln. Sind Ponys weniger wert? Ist man ein schlechterer Reiter, wenn man sich von einem Pony tragen lässt? Ist ein Pony weniger edel? Ist es peinlich, als Erwachsener ein Pony zu reiten?

Wenn es so wäre, wie ist es dann zu erklären, dass ausgerechnet die standesbewussten Engländer ihre teuren, edlen und hervorragend ausgebildeten Poloponys Ponys nennen, egal, wie groß sie sind? Und die Amerikaner sogar manchmal ihre Rennpferde, die doch die teuersten aller Pferde sind? Überhaupt Amerika, Heimat der Cowboys:

The word »pony« had nothing to do with the animal’s size, and in the Northwest practically every horse was called by this term.

Das Wort »Pony« hatte nichts mit der Größe des Tieres zu tun, und im Nordwesten [der USA] wurde praktisch jedes Pferd mit diesem Begriff bezeichnet. (meine Übersetzung; Quelle: Adams)

Interessant ist die Definition eines Ponys im ➸ Merriam Webster in diesem Kontext:

one of any of several breeds of very small stocky animals noted for their gentleness and endurance

»Gentleness and endurance«, also ein guter Charakter und Ausdauer, das sind positive Eigenschaften. Islandponys, Cowponys und Poloponys sind kleine, robuste und lauffreudige Pferde, die in Island, den USA bzw. England vor allem von großen Männern geritten werden. Die einen sind stolz auf ihre Ponys, die anderen sind Ponyreiter, die sich aber lieber Pferdereiter nennen.

Das englische Wort »pony« im Pferdekontext hat noch weitere Bedeutungen:

  • im Galopprennsport: Das Pferd, von dem aus ein Handpferd zum Start geführt wird; wobei dessen Größe keine Rolle spielt. Derjenige, der diese Tätigkeit ausübt, ist der »pony rider«. Analog dazu heißt der Handpferde-Führvorgang »ponying«. (➸ Quelle)
Führpferd mit Rennpferd als Handpferd
Vorne Führpferd (»pony«), hinten das Rennpferd als Handpferd ― Foto von Jennifer C. (CC BY-SA 2)
  • im Galopprennsport: eine Wette mit einem Einsatz von £ 25 (Quelle: Hammond)

Quellen:

  1. Adams, Ramon F.: Cowboy Lingo. Houghton Mifflin Company 1936, 1964, 2000.
  2. FN (Hrg.): LPO. Leistungs-Prüfungs-Ordnung 2018. FN-Verlag 2018.
  3. Hammond, Gerald: The Language of Horse Racing. Fitzroy Dearborn Publishers 1992.
  4. Merriam Webster: https://www.merriam-webster.com/dictionary/pony
  5. Wikipedia: https://en.wikipedia.org/wiki/Ponying

 

Schienbeine haben

Rennpferd im Training ― Foto von Yenni Vance via Pixabay
Ein Rennpferd cantert bei der Morgenarbeit unter einem Arbeitsreiter ― Foto von Yenni Vance via Pixabay

In meiner Zeit bei der Sport-Welt gehörte es zu den spannendsten Aufgaben, im Frühjahr in die Rennställe zu fahren und mit den Trainern jedes einzelne Pferd anzuschauen und es zu besprechen. Wieder in der Redaktion, musste man die vielen Notizen zusammenfassen und eine sogenannte Stall-Parade schreiben, in der einerseits für den interessierten Wetter genug tatsächliche Informationen enthalten waren, andererseits aber für den engagierten Rennpferdebesitzer auch genug Streicheleinheiten. Wer liest schon gern in der Zeitung, dass er Monat für Monat Trainingsgebühren für einen Vollblüter zahlt, der voraussichtlich nie einen Blumentopf gewinnen wird.

Stallparade bei Uwe Ostmann, erschienen in der Sport-Welt 1987
Stallparade bei Trainer Uwe Ostmann, erschienen in der Sport-Welt 1987 – die hab ich nicht geschrieben, nur gelesen. Alte Zeit war später richtig gut.

Es gab zwei Typen von Trainern. Die einen nahmen meine Kollegen und mich sofort ins Vertrauen und sagten uns schonungslos ihre Meinung über ihre Schützlinge. Ob das Pferd einen bestimmten Boden brauchte, einen bestimmten Rennverlauf, was sie schon mit den Distanzen probiert hatten, mit welchem Pferd unser Kandidat in der Morgenarbeit Kopf-Kopf geht (woran man ablesen kann, wie gut die Pferde in Relation zueinander sind), welche Rennen für das Pferd in dieser Saison geplant sind. Das waren in der Regel die Trainer mit den vollen Ställen. Die vertrauten darauf, dass wir sie nicht mit »Das ist ein Pferd, so sympathisch wie Zahnschmerzen« oder »ziemlich das langsamste, was wir haben« in der Zeitung zitierten (obwohl die Sätze so gefallen waren). Das waren aber auch Trainer, die sich leisten konnten, einem Besitzer zu sagen, dass sein Rennpferd kein Hochleistungssportler ist, weil sie wussten: Wenn er das Pferd abzieht, wird die Box wieder voll.

Meine Notizen zu einer Stall-Parade 1998
Meine Notizen zu einer Stall-Parade der Sport-Welt 1998. Leider weiß ich nicht, ob ich die gedruckte Fassung auch noch irgendwo habe…

Die andere Sorte Trainer wollte nichts riskieren. Lieber den Zeitungsleuten keinen Anlass geben, ihre Arbeit in irgendeiner Form anzuzweifeln. Verständlich, wenn man selbständig ist und das Einkommen aus der Formel »Anzahl der belegten Boxen + Prozente der eingaloppierten Geldpreise« besteht. Das waren die schwierigen Stall-Paraden. Der Trainer wand sich und sagte zum zehnten Mal, dass das Pferd »noch in der Entwicklung gestanden« habe, nochmal »einen Schub« mache und dass jetzt wirklich bald »der Knoten platzen« müsste. Man hätte es leider noch nicht herausbringen können, denn es hätte Schienbeine gehabt.

Nun mag man von sich selber auf Pferde schließen und denken, dass Schienbeine zu haben an sich nichts Erfolg verhinderndes, ja eher etwas dem Laufen zuträgliches ist. Aber es ist nicht so, dass »Schienbeine haben« bei Rennpferden generell nur eine Ausrede ist! Nein, »Schienbeine haben« ist tatsächlich ein häufiges Problem, das bei jungen Pferden auftauchen kann, wenn sie antrainiert werden. Bitte bedenken Sie, dass ich keine Tierärztin bin und meine Beschreibung daher nicht wissenschaftlich ausfallen kann:

Hat ein Pferd »Schienbeine«, so kann man vorn am Röhrbein erhöhte Temperatur, Empfindlichkeit und in späteren Stadien eine Schwellung fühlen (unter anderem deswegen bekommt jedes Rennpferd mehrfach täglich die Beine abgetastet). Grund dafür ist eine Überlastung, auf die der Körper mit Knochenzubildung im belasteten Bereich reagiert. In der Folge wird die Knochenhaut gereizt, sie schwillt an und entzündet sich. Gibt man dem Pferd rechtzeitig Ruhe (wenn das Pferd beim Abtasten empfindlich reagiert, aber noch keine Schwellung vorhanden ist), muss oft nur kurz mit dem Training ausgesetzt werden. Andererseits können »Schienbeine« auch dazu führen, dass der junge Vollblüter für sechs Wochen oder auch drei Monate lang aus dem Training genommen werden muss.

»Schienbeine haben« heißt auf englisch »to have sore shins« oder »to have bucked shins«. Und auf englisch kann man sich die Schienbeine auch aktiv zuziehen: horses buck their shins.

»sore« trifft man im Pferdebereich noch an anderen Orten, z. B. gibt es den Begriff »to be saddle sore«, der bedeutet »wundsein« im Sinne von »Wundgerittensein« (auch als Adjektiv saddle-sore« = wundgeritten) (beides auf den Reiter bezogen) bzw. auf das Pferd bezogen »Satteldruck«. Ein »saddle-sore horse« ist ein Pferd, das Satteldruck hat.


Eine kurze, persönliche Anmerkung: Ich bin allen Trainern dankbar, die mir damals auf Augenhöhe begegnet sind. Ich war in 111 Jahren Verlagsgeschichte, soweit sich der bereits in Ruhestand befindliche Rudi Schillings zurückerinnern konnte, die erste Frau in der Redaktion der Sport-Welt, und für manche im Rennsport war das anscheinend gewöhnungsbedürftig.