Wie Pferderennen unsere Sprache prägen, Teil 2: Favorit und Außenseiter

Galopprennen in Australien
Galopprennen in Australien — Foto von Peter Wright via Pixabay

Letzten Monat habe ich über das Wort Start geschrieben. Hier geht die Serie über Wörter, die aus dem Pferderennsport kommen und unsere Sprache geprägt haben, weiter. Hintergrund: Organisierte Galopprennen gibt es in Deutschland seit 1822. Viele Fachwörter haben Eingang in unsere Alltagssprache gefunden. (Disclaimer: Ich erhebe keinen Anspruch auf etymologische Grundlagenforschung. Es handelt sich um eine Anregung zum Nachdenken, food for thought, wie Sport unsere Sprache und unsere Gedankenwelt prägt.)

Dieses Mal betrachten wir Favorit, Außenseiter und Pacemaker.

Außenseiter taucht ab 1870 in der deutschen Sprache auf [Quelle: ➸ DWDS]. Victor Silberer hat in seinem Turf-Lexicon von 1890 keinen eigenen Eintrag dafür, listet aber Outsider auf: »ein Pferd in einem Rennen, wenn es von den Wettenden nur wenig beachtet wird, wenn man allgemein wenig von seinen Chancen hält. Der Outsider ist sonach gewissermaßen der Gegensatz zu Favorit.«[1]

Im übertragenen Sinn benutzen wir das Wort Außenseiter häufig. Auch in der Alltagssprache bezeichnet es jemanden, der/die wenig Beachtung findet. Eine Person am Rand einer Gesellschaft. Als Außenseiter ist man trotzdem Teil der Gesellschaft ― zum Außenseiter wird man gemacht. Anders ein Außenstehender: Er ist unbeteiligt.

Viel häufiger benutzen wir das Wort Favorit ― jedenfalls in den Medien, die im ➸ Deutschen Nachrichten-Korpus erfasst sind: Favorit landet auf Rang 5110 [2], Außenseiter auf Rang 8604.[3] Das mag damit zu tun haben, dass der Favorit schon lange vor den ersten Pferdewetten in der Sprache existiert hat, und zwar in seiner Bedeutung als Liebling. Seine Definition im Pferderennsport war 1890:

Favorit in einem Rennen ist jener Concurrent, welcher nach dem allgemeinen Urtheile die meisten Chancen hat, auf welchen sich auch die meisten Wetten concentriren und der demzufolge auch an der Spitze der Wettliste steht. [4]

Etwas moderner fasst das Etymologische Wörterbuch von Wolfgang Pfeifer zusammen:

Die spezifische Bedeutung in der Sportsprache erhält das Wort unter dem Einfluß von engl. favourite, das zunächst für das Rennpferd, auf das die meisten setzen, gebraucht (19. Jh.), im 20. Jh. auf den Teilnehmer im sportlichen Wettkampf mit den besten Gewinnchancen erweitert wird (sic). [5]

favourite ist im Englischen schon seit 1583 belegt und somit ein Zeitgenosse von magazine, snug und wizardry. [Quelle: ➸ Merriam Webster Time Traveller]

das Rennen machen hat seine Bedeutung in der Alltagssprache gewandelt. Im Rennsport bedeutet das Rennen zu machen die Führung zu übernehmen und diese möglichst lange zu halten ― aber nicht zwangsläufig, um selbst zu gewinnen, sondern auch als Pacemaker, um einen Stallgefährten, also ein anderes Pferd aus demselben Rennstall, in eine günstige Ausgangslage zu bringen. [6] Diese kooperative Bedeutung ist in der heutigen Umgangssprache verloren gegangen, wo diejenige, die das Rennen macht, gleichbedeutend mit der Siegerin ist.
Die Pace (also das Tempo) kann ruhig oder stramm oder hoch sein. Ein Ausdruck, für den es keine gute deutsche Entsprechung gibt, ist to come off the pace. Dabei geht es um die Eigenschaft von bestimmten Pferden, das Rennen zunächst im Hinterfeld zu laufen und in der Zielgeraden immer schneller zu werden. (Solche Rennpferde werden als Speedpferde bezeichnet ― Speed ist die Beschleunigungsfähigkeit zum Schluss, nicht die Grundgeschwindigkeit. Hier hat es eine Bedeutungsverengung gegeben.) Das funktioniert am besten, wenn es von Anfang an hohes Tempo gab, die Pferde an der Spitze sind dann nämlich schon erschöpft. Der Pacemaker endet oft abgeschlagen unter ferner liefen.

Wenn man sehen möchte, wie das im Extremfall mit coming off the pace aussieht, im Idealfall from last to first, dann führt kein Weg an Zenyatta vorbei. ➸ Hier sieht man fünf ihrer Rennen.


Quellen:

  1. Silberer, Victor: Turf-Lexicon. Zweite Auflage. Wien 1890, S. 260
  2. Favorit, Wortschatz Uni Leipzig, abgerufen am 27.5.2020
  3. Außenseiter, Wortschatz Uni Leipzig, abgerufen am 27.5.2020
  4. Silberer, Victor: Turf-Lexicon. Zweite Auflage. Wien 1890, S. 118
  5. Favorit, in: Wolfgang Pfeifer et al.: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (1993), digitalisierte und von Wolfgang Pfeifer überarbeitete Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache,  abgerufen am 27.5.2020
  6. Silberer, Victor: Turf-Lexicon. Zweite Auflage. Wien 1890, S. 303

Altes Wort für … Stute

Foto via Pixabay
Stute und Fohlen – Foto via Pixabay

“Stute” ist heute bundesweit und, soweit mir bekannt, auch in anderen deutschsprachigen Ländern der einheitliche Begriff für “ausgewachsenes weibliches Pferd”.

Es gab und gibt noch andere Bezeichnungen, die uns heute meist nicht mehr geläufig sind, in manchen Dialekten aber noch erhalten sein können. Die nachfolgende Aufzählung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Ich habe die Begriffe und ihre Definitionen aus den “Untersuchungen zu den Haustiernamen des Rheinlands” von Dr. Anna Luise Brockmans von 1939. Sie hat die geografische Verbreitung verschiedener Bezeichnungen von Haustieren untersucht.

  • Mähre. Ein Begriff, der einen Bedeutungswandel durchgemacht hat. Während er früher einfach “weibliches Pferd” bedeutete, wird er heute meist nur noch in der Bedeutung “altes abgetriebenes Pferd” verwendet (also in dem, wie das Buch so schön festhält, “verächtlichen Nebensinn”). Vgl. englisch mare, niederländisch merrie, isländisch meri.
  • Mährenpferd. Hierzu schreibt Frau Dr. Brockmans: “Mähre erfährt in der Wortzusammensetzung Mährenpferd durch den Gn. [=Gattungsnamen] Pferd eine Verdeutlichung, ein Zeichen dafür, daß das Wort Mähre in besagten Gebieten bereits sinnentleert und damit in die Gefahr des Aussterbens geraten ist; man vergleiche Bildungen wie (…) Walfisch”
  • Strut, Strute, Strutpferd.
  • Stutenpferd. Eine Bildung wie Mährenpferd.
  • Mutterpferd
  • Muttergaul. Hierzu schreibt die Autorin: “Wo Gaul der Gn. [=Gattungsname] des Pferdes ist, (…) erscheint Muttergaul in derselben Bedeutung wie Mutterpferd im Pferd-Gebiet.”
  • Zielpferd. Bedeutet Zuchtpferd (ziel – ziehen – züchten ist der Zusammenhang).
  • Füllenpferd. Ein Pferd, das ein Fohlen hat, also ein Mutterpferd, ein weibliches Zuchtpferd.
  • Füllengaul
  • Füllenstute
  • Füllenmähre. In der Westeifel ursprünglich ein weibliches Pferd, das zur Zucht verwandt wird. Die Bedeutung wandelte sich aber hin zu “gute Stute”, einerlei, ob sie zur Zucht eingesetzt wurde oder nicht. In Schleswig-Holstein die Bezeichnung einer trächtigen Stute, während das Mutterpferd Fahlentöt heißt und das weibliche Pferd allgemein Fahlenpferd.
  • Füllenroß. Im Steirischen ein Pferd, das ein Saugfohlen hat.
  • Fülligurre. Bezeichnung für Stute mit Fohlen in der Schweiz.

Einen weiteren in diesem Buch gefundenen Begriff will ich nicht unterschlagen: “Mährfohlen” für “junges weibliches Pferd”. Heute würde man “Stutfohlen” sagen.

Suchst du andere Wörter für Pferde allgemein? Die findest du hier.