Die umgangssprachlich als “Rollkur” und — vor allem von Tätern — verharmlosend als “Hyperflexion” oder “Tiefes Einstellen” bezeichnete Zwangshaltung beim Reiten von Dressurpferden ist auch für den Laien in der Regel gut zu erkennen: Der Reiter hält den Kopf des Pferdes mithilfe der Zügel in einer tiefen, gleichzeitig aber dem Bug nahen Position, wobei der Hals extrem gerundet wird.

Manchmal zeigt das Pferd deutliche Anzeichen von Unbehagen: es sperrt sein Maul auf, versucht dem Druck durch Kauen oder Verschieben des Unterkiefers zu entkommen, rollt mit den Augen, drückt seinen Grimm durch die Ohren aus, schlägt mit dem Schweif, schwitzt übermäßig. Kurz gesagt: Jeder Depp sieht das. Sofern er es sehen will. Viele Pferde aber resignieren in dieser Position, was es für den Laien schwieriger macht, das Tierschutzwidrige an dieser Zwangshaltung zu erkennen. Im schlimmsten Fall dient das geäußerte Unbehagen des Pferdes sogar als Rechtfertigung seitens des Reiters. Das Pferd habe schließlich “Rittigkeitsprobleme”. Nein, das Pferd hat ein Tierschutzproblem, und der Reiter das Problem, nicht anständig zu reiten.

“Also wie soll es denn nun sein?”, fragt der Laie. Da gibt es kein so eindeutiges Bild mehr.  Die Bandbreite der “richtigen” Kopfhaltung ist groß und auch abhängig von der jeweiligen Sparte der Reiterei: Die größten Unterschiede finden sich wahrscheinlich zwischen Gangpferdereiten, Westernreiten und Dressurreiten. Bezüglich Dressurreitens steht in den Richtlinien für Fahren und Reiten, Band 1:

Die dabei vom Pferd geforderte Haltung wird sich, je nach dessen Ausbildungsgrad sowie nach Gangart und Tempo, verschieden gestalten. In allen Stadien muss die Stirn-Nasenlinie des Pferdes etwas vor oder höchstens an der Senkrechten sein, wobei das Genick der höchste Punkt bleibt. (Ausnahme: Zügel-aus-der-Hand-kauen-lassen und Dehnungshaltung beim jungen Pferd.)

VOR DER SENKRECHTEN

Vor der Senkrechten - Foto via Pixabay
Entspannte Haltung, das Pferd trägt den Kopf “vor der Senkrechten”. Das Genick (die Stelle hinter dem Genickriemen) ist klar der höchste Punkt des Pferdes (Ohren ausgenommen) — Foto via Pixabay
Foto von Patricia van den Berg via Pixabay
Hier sieht man das in der Bewegung: Nase ganz leicht vor der Senkrechten, das Genick ist der höchste Punkt — Schönes Foto von Patricia van den Berg via Pixabay

IN DER SENKRECHTEN

Foto von Ruth Weitz via Pixabay
Exakt in der Senkrechten — Foto von Ruth Weitz via Pixabay

HINTER DER SENKRECHTEN

Manchmal ist der Kopf minimal hinter der Senkrechten, das Genick bleibt aber der höchste Punkt. Es kann sich um eine Momentaufnahme handeln, wenn der Reiter das bemerkt und korrigiert.

Hinter der Senkrechten - Foto via Pixabay
Ganz knapp “hinter der Senkrechten” bei lockerem Zügel. Das Pferd wird hier nicht vom Reiter in diese Haltung gezwungen, sondern “verkriecht sich hinter dem Zügel”, allerdings nur minimal — Foto via Pixabay
Foto von Brigette Barton Siddiqui via Pixabay
Manchmal ist die Senkrechte nicht ganz einfach zu erkennen, z. B. wenn das Pferd wie dieser Araber ein konkaves Profil hat. Die Haltung von Reiterin und Pferd ist jedenfalls schön und frei von Anspannung — Foto von Brigette Barton Siddiqui via Pixabay

FALSCHER KNICK

Foto von Patrick Gantz via Pixabay
Das Pferd geht “hinter der Senkrechten”. Deutlich zu sehen: Der höchste Punkt ist nicht mehr das Genick, sondern einer der dahinter liegenden Halswirbel (zwischen Genick und der gebrannten 9). Das nennt man den “falschen Knick” — Foto von Patrick Gantz via Pixabay
Foto von Stefanie Drenkow-Lolies
Und hier noch einmal in Bewegung. Das Profil des Pferdes ist deutlich hinter der Senkrechten und der “falsche Knick” ist ganz klar zu erkennen — Foto von Stefanie Drenkow-Lolies

Um Missverständnissen vorzubeugen: Hier ist nirgendwo “Hyperflexion” abgebildet. Keiner der Reiter begeht auf den Fotos hier eine Tierquälerei. Die beiden unteren Reiter brauchen Anleitung und Feedback, damit sie erkennen, dass sie das Pferd in einer falschen, weil auf Dauer schädlichen, Haltung reiten.

In ⇒ diesem Artikel mit Video findet man nähere Informationen der FN, um die Haltung des Pferdes besser beurteilen zu können.

Quellenangabe: Richtlinien für Fahren und Reiten, Band 1, 28. Auflage 2009, Warendorf: FN-Verl. der Dt. Reiterlichen Vereinigung.

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