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Ich bin eine begeisterte Anhängerin von ⇒ Bookcrossing, und bekam dadurch kürzlich eine schöne, undatierte Ausgabe der Drei Musketiere in die Hände, neu bearbeitet von Wilhelm Cremer, erschienen im Verlag der Schillerbuchhandlung, Berlin. Schnell wurde mir das Lesen der Fraktur zu mühselig. Also besorgte ich mir die kostenlose Kindle-Version, übersetzt von August Zoller.

Besonders gut gefällt mir die Beschreibung von d’Artagnans Pferd:

(…) ein Klepper aus dem Bearn, zwölf bis vierzehn Jahre alt, von gelber Farbe, ohne Haare am Schweif, aber nicht ohne Fesselgeschwüre an den Beinen, ein Thier, das, während es den Kopf im Gehen thiefer hielt, als die Kniee, was die Anwendung des Sprungriemens überflüssig machte, muthig noch seine acht Meilen im Tage zurücklegte. Unglücklicherweise waren die geheimen Vorzüge dieses Pferdes so gut unter seiner seltsamen Haut und unter seinem fehlerhaften Gange versteckt, daß in einer Zeit, wo sich Jedermann auf Pferde verstand, die Erscheinung der genannten Mähre (…) eine allgemeine Sensation hervorbrachte (…)

Diese wunderschöne Beschreibung von d’Artagnans „orangefarbigem Pferd“, seiner „zweiten Rozinante“, möchte ich zum Anlass nehmen, ein bisschen über das Pferd zu spekulieren, genauso wie es im Buch der „Edelmann mit der veilchenblauen Hose“ tat, der „eine seiner gelehrtesten und gründlichsten Erläuterungen in Bezug der bearnischen Mähre zum Besten gab“ und sich so den Zorn d’Artagnans zuzog:

„Dieses Pferd ist offenbar oder war vielmehr in seiner Jugend ein Goldfuchs“, urteilt dieser.  „Es ist eine in der Botanik sehr bekannte, aber bis jetzt bei den Pferden eine sehr seltene Farbe.“

Am Ende des ersten Kapitels gelangen Pferd und Reiter nach Paris,

(…) wo es der Eigenthümer um drei Taler verkaufte, was sehr gut bezahlt war, da d’Artagnan es auf dem letzten Marsch bedeutend übertrieben hatte. Der Roßkamm, welchem d’Artagnan die Mähre gegen erwähnte neun Livres abtrat, verbarg auch dem jungen Mann keineswegs, daß er diese außerordentliche Summe nur wegen der originellen Farbe des Tieres bezahle.

In dieser Erzählung stecken einige Pferdewörter und Umstände, die sich zu betrachten lohnt:

  1. Die Farbe des Pferdes – darüber berichte ich in einem gesonderten Artikel
  2. Klepper („bidet“) wird hier schon als abwertender Begriff benutzt, dabei soll es früher einen besonders guten Pferdeschlag bezeichnet haben. Über diese Pejorisierung des Begriffs muss ich noch mehr herausfinden.
  3. Fesselgeschwüre an den Beinen („javarts aux jambes“): Vielleicht das, was wir heute als Gallen bezeichnen? Oder tatsächlich offene Wunden? Dafür kann ich einfach nicht genug Französisch.
  4. Kniee („genoux“): Gemeint sind die Vorderfußwurzelgelenke, die umgangssprachlich oft als Knie bezeichnet werden, obwohl sich die Knie des Pferdes an der Hinterhand befinden. Die Zirkuslektion „Kompliment“ wird dann auch stilgerecht mit dem Kommando „A genoux“ eingeleitet.
  5. Sprungriemen („martingale“). Ich kannte den Begriff Sprungriemen nicht, nur das Lehnwort Martingal. Auch darüber könnte ich noch etwas herausfinden.
  6. Acht Meilen am Tag: Nun ist es schwer zu beurteilen, was Pferde zu Zeiten von Alexandre Dumas zu leisten imstande waren (bzw. was von ihnen zu leisten gefordert wurde). In Meyers Großem Konversationslexikon (Anfang des 20. Jahrhunderts) ist die Rede von achtstündigem Tragen von 75 kg im Schritt (etwa 30 km Weg) als Normalarbeitstag eines Pferdes. Eine alte französische Meile sind 4,4 km, D’Artagnans Pferd soll also 35 km am Tag bewältigt haben? (Quelle: Trapp, Wolfgang: Kleines Handbuch der Maße, Zahlen, Gewichte und der Zeitrechnung. Komet 1992, 1998.)
  7. Übertreiben: Der Begriff wird hier in seiner konkreten Bedeutung verwendet. Man spricht vom Treiben des Pferdes, wenn man es auffordert, vorwärts zu gehen (streng genommen auch rückwärts und seitwärts; das Treiben ist generell eine Aufforderung, sich in Bewegung zu setzen). In der Bearbeitung von Wilhelm Cremer steht: „was recht gut bezahlt war, in Anbetracht als es Herr d’Artagnan auf dem letzten Ritte stark hergenommen hatte.“
  8. Rosskamm: Das Wort habe ich hier zum ersten Mal gelesen. Es gefällt mir. Ich will mehr darüber erfahren.

Ein Gedanke zu „D’Artagnans Pferd

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